Besuch in Gaza vom 11.12.2006
Morgens um 7 Uhr sind wir in St. Vincent - Jerusalem gestartet. Wir, das waren Sr. Susan, Brother Joe, zwei Schwestern der Missionarinnen der Nächstenliebe und ich.
Nach gut anderthalb Stunden waren wir am Grenzübergang Erez. Aus Sicherheitsgründen ist Sr. Susan schon vor einiger Zeit dazu übergegangen, nicht mehr mit dem eigenen Auto nach Gaza zu fahren, da sie durch das israelische Kennzeichen sofort als Ausländerin erkannt wurde. Stattdessen lässt sie sich nun von Sabah, einer langjährigen Mitstreiterin und einem Fahrer abholen und den Tag über begleiten.
Erste Station war eine Familie, die durch militärische Auseinandersetzungen ihr Haus verloren hatte und nun mit 12 Personen in zwei winzigen Zimmern lebt. Insgesamt besitzt diese Familie (Bild) vier Betten und ein Babybett. Die Kinder trugen weder Schuhe noch Stümpfe und waren nur dünn bekleidet, für das Baby gibt es keine Windeln. Da es in der Region aktuell keinen Strom gibt, war auch der uralte Kühlschrank leer und abgeschaltet. Die Küche besteht aus einem Regalbrett und einer Spüle (Bild). Das Bad ist ein Verschlag mit einem Loch und einem Schlauch (Bild). Türen und Fenster gibt es nicht und auch das Dach ist in allen Zimmern undicht, sodass bei Regen alle und alles nass werden. Da die Räume nicht dicht verschließbar sind, haben auch Ratten Zugang zu den Zimmern der Familie. Der knapp vierjährige Sohn der Familie ist in der letzten Woche nachts von einer Ratte in den Fuß gebissen worden. Eine Heizung gibt es ebenfalls nicht. Die Familie, von der wir die Mutter und 6 Kinder kennen gelernt haben, nimmt an unserem Lebensmittelprogramm teilt und zeigte uns den Sack mit den restlichen Konserven und den Eimer mit Waschmittel.
Der Vater der Familie ist arbeitslos und somit ist die Familie auf den kleinen Sack Lebensmittel angewiesen.
Anschließend fuhr uns der Fahrer durch Beit Hanun. Beit Hanun war in den letzten Wochen durch heftige Kämpfe in den Schlagzeilen. Die Folgen der jüngsten Militäraktionen sind direkt vor Ort zu sehen und noch erschreckender als im Fernsehen. In einer der Ruinen hing noch eine Lampe an der Decke und der Teppich lag noch zur Hälfte im Haus, die andere hing in der Luft. Mitten in den Trümmern eines anderen Hauses stand ein Vogelkäfig mit einem Kanarienvogel.
Die erste Einrichtung, die wir besuchten, war der Amagad Kindergarten (Bild). Dieser möchte ins Frühstücksprogramm, das wir mit Sr. Susan organisieren, aufgenommen werden und braucht Unterstützung bei der Einrichtung der Klassen. Erbaut wurde der Amagad Kindergarten 2005 und aktuell werden dort 95 Kinder unterrichtet. Bis vor kurzem waren noch 110 Kinder in der Schule, dann wurde die Schule jedoch von einem Geschütz getroffen, während die Kinder draußen spielten. Nun lassen viele Eltern ihre Kinder aus Angst nicht mehr zur Schule gehen. Zwei der Kinder sind laut den Lehrerinnen noch im Krankenhaus und auch die Splitter des Geschosses konnten wir sehen.
Die Schule erhält wie die Schulen, die an unserem Frühstücksprogramm teilnehmen, nährstoffreiche Kekse durch ANERA. Milch bzw. Milchpulver haben die Schulen schon seit einiger Zeit nicht mehr erhalten. Neben dem Frühstücksprogramm benötigt die Schule Mittel zur Anschaffung von einem Kühlschrank, Unterrichtstischen, Stühlen und einem Teppich für das Spielzimmer plus Spielzeug.
Auch die zweite Schule, die Mara School, möchte in das Frühstücksprogramm aufgenommen werden. Träger der Schule ist die örtliche Gemeinde, in dieser Schule werden aktuell 83 Kinder betreut. Anderes als die erste Schule wirkte diese weniger liebevoll gestaltet und auch weniger sauber. Darauf angesprochen berichtete die Schulleiterin nicht genügend Geld für die tägliche Reinigung zu haben. Neben der Unterstützung durch das Frühstück benötigt diese Schule dringend eine Kochplatte und einen Kühlschrank.
In der zweiten Etage des Gebäudes befindet sich eine Art Gemeinschaftshaus mit drei kahlen Räumen. Einer dient als Computersaal, daneben befindet sich eine Bibliothek und der dritte Raum steht leer und kann für Workshops oder Versammlungen genutzt werden.
Die nächste Station war die Elamal & Elmahaba – School in Zentralgaza. Diese Schule ist erst vor kurzem in das Frühstücksprogramm von Sr. Susan aufgenommen worden. Die Schule betreut bislang 65 Kinder auf einem sehr hohen schulischen Niveau mit sehr motivierten und kreativen Lehrerinnen. Daneben bieten sie die Betreuung von Kleinkindern an, deren Mütter arbeiten.
Vor einigen Wochen ist der Zaun, der das Grundstück der Schule umschließt und vom Feld trennt durch einen Panzer zerstört worden, woraufhin die Nachbarn die Schule ausgeraubt haben.
Zunächst hat Sr. Susan das Geld zur Reparatur der Fenster und für die Grundausstattung an Schulmaterial bereit gestellt. Die Lehrerinnen haben die verlorenen Lehrplakate selbst gemalt und mit viel Einsatz die Schule wieder hergerichtet.
Besonders beeindruckt hat mich an der Schule die Kreativität der Lehrerinnen, die auch die Kartons der ANERA-Kekse nutzen, um daraus Lehrmaterial und eigene Bücher zu basteln. Im Garten hat die Schule ein paar Käfige, in denen einige Hühner und bis zum Diebstahl durch die Anwohner auch noch Hasen und Enten lebten. Die Kinder kümmern sich um die Tiere.
Eine weitere Besonderheit der Schule ist ein Kunstkurs, der nachmittags für junge Frauen zwischen 18-20 Jahren angeboten wird. Diese haben im Kurs wirklich wunderschöne Bilder, Stillleben und schwarz-weiße Porträts gemalt.
Aktuell benötigt die Schule dringend einen neuen Zaun. Sabah bemüht sich gerade um einen Kostenvoranschlag. Darüber hinaus braucht es Geld für weiteres Material, für die Reparatur der Tische, Stühle und Spielzeug.
Die nächste und letzte Schule, die wir besucht haben, war die Mussadar-School, die schon seit einiger Zeit von Sr. Susan betreut wird und die wir auch im Mai 2005 schon einmal besucht haben. Die Musssadar-School ist eine der drei Schulen über die die Verteilung der Lebensmittel läuft und wir kamen gerade rechtzeitig, um die Verteilung miterleben zu können. Als wir vor der Schule vorfuhren, standen dort schon etwa 10 Eselskarren und Autos und überall saßen Menschen und warteten auf ihren Lebensmittelsack (Bild). Ursprünglich waren an jeder Schule 50 Familien eingeplant, da die Gelder jedoch für mehr reichten als geplant, konnte diesen Monat 70 Familien geholfen werden. Um einen Sack Lebensmittel zu bekommen, muss eine Familie mindestens 5 Kinder haben.
Die Mussadar-School betreut aktuell 85 Kinder in drei kleinen Klassenzimmern, würde jedoch gerne noch mehr Kinder aufnehmen und sucht daher nach Geldgebern, die einen Anbau mitfinanzieren würden. Dieser soll 28.000 US-Dollar kosten. Auch wenn sich die Mussadar-School als zuverlässige und gut organisierte Schule erwiesen hat und sowohl Sr. Susan als auch Sabah den Ausbauplan unterstützen, halten wir die Finanzierung der Lebensmittelhilfen und des Frühstücksprogramms für vorrangig und möchten zunächst keine Gelder für den Ausbau bereit stellen, zumal das Vereinskonto zur Zeit relativ leer ist.
Die letzte Station waren die Missionarinnen der Nächstenliebe in Gaza-Stadt. Sie haben lange Zeit am Frühstücks- und Sommerprogramm teilgenommen. Vor einigen Wochen beendeten sie von ihrer Seite die Unterstützung durch Sr. Susan, da sie zu dem Schluss gekommen sind, dass eine regelmäßige finanzielle Hilfe ihrer Überzeugung – nämlich genauso arm zu leben, wie alle anderen um sie herum – widerspricht. Um ehrlich zu sein, kann ich diese Haltung nicht nachvollziehen, da diese Hilfe nie an die Schwestern der Missionarinnen, sondern als die auch trotz Frühstück bitter armen und teilst unterernährten Kinder geht. Trotzdem fährt Sr. Susan bei ihren Besuchen in Gaza weiter zu den Missionarinnen, um mit ihnen gemeinsam die Messe zu feiern.







