Jahresbericht 2007
Der Charakter der Krise
Notlage im achten Jahr
Jahr für Jahr stellen die im Gazastreifen aktiven Hilfsorganisationen aufs Neue fest, dass sich die humanitäre und wirtschaftliche Situation der Menschen weiter verschlechtert hat. So nennt das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA), das seit 1949 für die Vereinten Nationen den Großteil der Hilfe für die Palästinenser leistet, seine Projektanträge seit 2000 jedes Jahr „Emergency Appeal“ - Notaufruf. Und doch barg bislang jedes Jahr eine kleine Hoffnung in sich, die Situation könnte sich in absehbarer Zeit wieder verbessern. Dies hat sich 2007 geändert.
Druck auf Gaza wächst
Im Januar 2006 gewann die Hamas die Parlamentswahlen im Gazastreifen. Darauf reagierte Israel mit einer Einfrierung der Zahlungen aus Zöllen an die Autonomiebehörde, zahlreiche Staaten stellten jegliche Unterstützung der Palästinenser ein. Die öffentliche Hand ist in den Palästinensergebieten durch den beinahe vollständigen Kollaps der Wirtschaft der mit Abstand größte Arbeitgeber.
Die beschriebenen Maßnahmen führten also dazu, dass bis ins Jahr 2007 hinein vielen öffentlichen Bediensteten keine Gehälter gezahlt werden konnten.
Machtkampf eskaliert
Anfang des Jahres 2007 eskalierte schließlich der innerpalästinensische Machtkampf im Gazastreifen, die Hamas konnte die Macht an sich reißen. Seither herrscht im Gazastreifen Bürgerkrieg. Daraufhin war in der zweiten Jahreshälfte der Hauptübergang für Personen und Güter zwischen Israel und dem Gazastreifen fast durchgehend geschlossen. Die Herrschaft der Hamas im Gazastreifen hat die Aussichten auf einen souveränen palästinensischen Staat und auf eine dauerhafte Lösung des Nahostkonfliktes in weite Ferne rücken lassen.
Zu dem alltäglichen Hunger, der Demütigung, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein und der Gefahr für Leib und Leben kam so 2007 ein weiteres Gefühl: die Hoffnungslosigkeit.
Grenze zum Hunger erreicht
Die Lage der Menschen im Gazastreifen illustrieren die folgenden Zahlen auf drastische Weise: Von 2000 bis 2003 reduzierte sich der Lebensmittelkonsum der Palästinenser um etwa ein Drittel. Seit 2003 ist kein weiterer Rückgang mehr eingetreten, die Grenze der Belastbarkeit war also bereits vor fünf Jahren erreicht.
Zwischen einem Drittel und der Hälfte der Menschen im Gazastreifen leben nach Berichten des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen von weniger als 1,36 EUR pro Person und Tag. Das macht über 70% der Bewohner des Gazastreifens abhängig von Lebensmittelhilfe.
Die Ärzte in den Krankenhäusern können ihre Patienten nicht richtig behandeln, es fehlt vor allem an Medikamenten und Verbrauchsgütern. Inzwischen erhalten Nierenkranke nicht mehr drei Mal pro Woche die lebensnotwendige Blutwäsche (Dialyse), sondern nur noch zwei Mal.
Unsere Reaktion
Neuer Schwerpunkt
Wir haben auf diese Veränderung reagiert. In der Vergangenheit haben wir mit unserem begrenzten Budget darauf geachtet, neben rascher Nothilfe auch nachhaltige Projekte zu fördern und beispielsweise die Ausstattung von Schulen zu verbessern. Dies haben wir im vergangenen Jahr deutlich reduziert. Ebenso haben wir den Projektantrag einer Schule, die einen Ausbau braucht, vorerst nicht weiter verfolgt. So haben wir sämtliche verfügbaren Gelder in die Verteilung von Lebensmittelpaketen und dem Frühstück für Schüler gelenkt.
Bis März vor Ort
Insgesamt drei Monate verbrachten wir bis Mitte März im Nahen Osten und haben in dieser Zeit mehrfach unsere Projekte im Gazastreifen besuchen können.
Dabei haben wir im Februar für 150 Familien warme Decken finanziert. Diese wurden an die Familien verteilt, die an unserer Lebensmittelnothilfe teilnehmen. Eine dieser Familien, lebt seit vielen Jahren auf einem Friedhof. 17 Personen teilen sich vier Zimmer und leben in kaum vorstellbarer Armut.
Ebenfalls im Februar haben wir drei Schulen besucht, deren Schülern wir seit einiger Zeit ein tägliches Frühstück finanzieren können.
Betrübliche Spendensituation
Dieser neue Schwerpunkt hat sich im Verlauf des Jahres als richtige Entscheidung erwiesen. Nicht zuletzt, weil die Spendensituation 2007 trotz einiger weniger großzügiger Zuwendungen nicht anders als betrüblich zu nennen ist. Eine große Hilfe waren auch 2007 wieder die großzügigen Spenden des Dritte-Welt-Hilfe e.V. und der Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart-Wangen. Insgesamt haben wir 9.226 EUR an Spenden eingenommen. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang um mehr als die Hälfte. Die Aufwendungen für Projekte betrugen 12.746 EUR und damit rund 5.000 EUR weniger als 2006.
Über die Gründe können wir nur spekulieren. Selten war der Gazastreifen so stark in den Medien vertreten wie 2007. Eine solche Medienpräsenz hat in der Vergangenheit stets zu einem deutlichen Anstieg der Spenden geführt. 2007 jedoch war der Zusammenhang ein anderer. Während davor häufig über die humanitäre Situation im Gazastreifen berichtet worden war, tauchte nun der Gazastreifen im Zusammenhang mit Kämpfen und der Hamas auf.
Das mag bei vielen potentiellen Spendern zu der Befürchtung geführt haben, eine Spende in den Gazastreifen sei aufgrund der anhaltenden Kämpfe entweder sinnlos oder unterstütze im schlimmsten Fall gar die Hamas.
Inhaltlich können wir diese Befürchtung nachvollziehen. Sie führte allerdings auch dazu, dass wir im bisher schlimmsten Jahr deutlich weniger Projekte umsetzen konnten, als wünschenswert gewesen wäre.
Deshalb betonen wir nochmals: Wir arbeiten ausschließlich über direkte persönliche Kontakte und sind klein genug, dass wir mit keiner offiziellen Stelle vor Ort zusammen arbeiten müssen, weder auf palästinensischer, noch auf israelischer Seite. Die Spenden kommen direkt dort an, wo sie gebraucht werden – bei den Kindern und Familien im Gazastreifen.
Neue Wege
Wir haben daher auch verstärkt nach neuen Möglichkeiten gesucht, Spenden zu gewinnen. Neben dem Vorhaben, sich 2008 bei verschiedenen Stiftungen um Zuwendungen zu bewerben, ist für das Frühjahr 2008 ein großer Flohmarktstand in Berlin geplant, an dem wir zu Gunsten des Vereins Altes und Gebrauchtes unserer Mitglieder und Freunde verkaufen werden. Eine modernere Variante desselben Prinzips ist zudem eine Initiative mit dem Namen SocialBay. Unter dem Schirm der Sozial-Aktiengesellschaft nimmt SocialBay Sachspenden entgegen (der Spender muss noch nicht einmal das Porto zahlen, das übernimmt SocialBay), die dann im Internet-Auktionshaus Ebay versteigert werden. Der Spender bestimmt, welcher gemeinnützigen Organisation seiner Wahl der Erlös zu Gute kommen soll. Durchweg positiv hat sich ausgewirkt, dass 2007 mehrere Mitglieder aktive Aufgaben übernommen haben und wir dadurch inzwischen ein Team an motivierten und fähigen Mitstreitern haben.
Versetzung von Sr. Susan
Eine weitere Veränderung ergab sich 2007 durch den Weggang von Sr. Susan in den Libanon. Kurzfristig ist sie von ihrem Orden von Jerusalem in die Nähe von Beirut beordert worden. Was bedeutet, dass sie nicht mehr in den Gazastreifen fahren wird.
Das Team bleibt
Ihr Team, mit dem sie und wir seit Jahren vertrauensvoll zusammenarbeiten, bleibt allerdings erhalten. Es besteht in erster Linie aus Brother Joseph Loewenstein, einem emeritierten Professor der Bethlehem University, der mit einigen Mitbrüdern in Bethlehem lebt, Schwester Bridget Tighe, die in einem ökumenischen Zentrum am Stadtrand von Jerusalem lebt und arbeitet, dem Jesuitenpater Donald Moore, der an der Fordham University im US-Bundesstaat New York lehrt und ständig zwischen den USA und Israel pendelt sowie Reverend Ramond J. Webb, Professor an der University St. Mary of the Lake im US-Bundesstaat Illinois, der mehrere Monate im Jahr in Israel verbringt.
Durch den Wechsel und durch die instabile politische Lage ist im letzten Drittel des Jahres 2007 der Besuch im Gazastreifen nur zweimal möglich gewesen. Die laufenden Projekte vor Ort werden aber ständig von einer jahrelangen Vertrauten Sr. Susans, einer palästinensischen Projektmanagerin, betreut, so dass sie trotz der erschwerten Rahmenbedingungen weitestgehend problemlos weiter laufen.
Ausblick und Dank
Auch wenn es im Großen ein dunkles Jahr war für die Menschen im Gazastreifen, so konnten wir erneut dank unserer Spender zahlreichen Kindern und Familien helfen, diese dramatische Situation etwas erträglicher zu gestalten. Jedes Kind, dem geholfen werden kann, ist Motivation genug, gerade auch unter erschwerten Rahmenbedingungen unser aller bestes zu geben. Wir möchten uns an dieser Stelle bei allen Unterstützern des vergangenen Jahres herzlich bedanken. Wenn es für die Menschen im Gazastreifen einen Silberstreif am Horizont gibt, dann den, dass die Welt sie nicht vergessen hat.
Berlin, den 3. Januar 2008
Oliver und Maren Berthold
Kurzbilanz 2007 (alle Beträge gerundet)
Einnahmen:
Spenden 9.226 EUR
Mitgliedsbeiträge 1.590 EUR
Zinsen 3 EUR
Gesamt 10.819 EUR
Ausgaben:
Lebensmittelnothilfe 5.340 EUR
Frühstücksprojekt 2.936 EUR
Sommerprogramme 2.160 EUR
Kopierer für
El-Amal-School 360 EUR
Kühlschrank
für El-Amjad-School 600 EUR
150 Decken 1.350 EUR
Gesamt Projekte 12.746 EUR
Bank- und Überwei-
sungsgebühren 52 EUR
Verwaltung, Öffent
lichkeitsarbeit 411 EUR
Ausgaben gesamt 13.209 EUR
Somit flossen 96% der Gesamtausgaben 2007 in die Projekte im Gazastreifen.
Erläuterung:
Lebensmittelnothilfe:
Im Rahmen der Lebensmittelnothilfe versorgen wir seit Ende 2006 150 Familien monatlich mit einem Lebensmittelpaket mit Mehl, Reis, Bohnen, Linsen, Tunfisch, Pflanzenöl, Zucker und Waschpulver. Die Finanzierung dieses Programms leisten wir im Wechsel mit anderen Gebern aus den USA.
Frühstücksprojekt:
Das Frühstücksprogramm versorgt die Schüler von drei Vorschulen mit einem täglichen Frühstück. Das Programm läuft seit 2003 mit wechselnden Schulen, zur Zeit nehmen teil die El-Mussadar School, die El-Amal School und die El-Amjad School.
Sommerprogramme:
In den dreimonatigen Sommerferien veranstalten die Schulen im Gazastreifen Schülerferienlager. Viele Eltern können sich die Teilnahme ihrer Kinder allerdings nicht leisten. Wir zahlen jeweils drei Schulen pro Schuljahr jeweils 1.000 US-Dollar Zuschuss, damit einerseits alle Kinder teilnehmen können. Wir zahlen aber absichtlich nicht des vollen Betrag, damit die Schulen nicht ihre lokalen Unterstützer verlieren.